Was uns Laurie Santos über Glück lehrt

Was uns Laurie Santos über Glück lehrt

Was wäre, wenn wir uns beim Thema Glück ziemlich oft verschätzen? Wenn der Weg zu mehr Zufriedenheit weniger über die großen Veränderungen führt, die wir uns erhoffen, und mehr über kleine Gewohnheiten, die wir uns selbst aussuchen können? Genau darum geht es in einem Kurs, der an der Yale University zum beliebtesten seiner Geschichte wurde. Und um die Frage, was die Forschung dazu wirklich sagt.

Der beliebteste Kurs in über 300 Jahren Yale

Im Frühjahr 2018 bot die Psychologin Laurie Santos an der Yale University einen Kurs mit dem Titel „Psychology and the Good Life“ an. Rund 1.200 Studierende meldeten sich an, etwa ein Viertel aller Undergraduate-Studierenden. Damit wurde er nach Angaben der Universität zum beliebtesten Kurs in der mehr als 300-jährigen Geschichte von Yale. Santos hatte nach eigener Aussage erlebt, wie stark Depression, Angst und Stress viele ihrer Studierenden belasteten, und wollte etwas dagegen tun.

Die Online-Version, „The Science of Well-Being“, ist auf der Plattform Coursera kostenlos zugänglich. Allein im März 2020 meldeten sich laut Yale mehr als 600.000 Menschen an. Auf ihrer eigenen Website nennt Santos inzwischen mehr als vier Millionen Lernende weltweit. Dazu kommt ihr Podcast „The Happiness Lab“.

Die Grundidee: Unser Gehirn täuscht uns beim Thema Glück

Der rote Faden des Kurses lässt sich so zusammenfassen: Wir glauben oft, wir müssten unsere Lebensumstände grundlegend ändern, um glücklicher zu werden, mehr verdienen, mehr besitzen, mehr erreichen. Die Forschung deutet darauf hin, dass kleinere Veränderungen im Verhalten und in der Denkweise einen größeren Unterschied machen können, als wir erwarten. Santos nennt die Übungen im Kurs „Rewirements“, kleine Praktiken, die helfen sollen, neue Gewohnheiten aufzubauen.

Ein bekanntes Beispiel aus der Forschung: Die Psychologinnen und Psychologen Elizabeth Dunn, Lara Aknin und Michael Norton untersuchten 2008, wie sich Geldausgaben auf das Glücksempfinden auswirken. In einer Befragung von 632 Menschen in den USA hing das Geld, das jemand für andere ausgab, mit einem höheren Glücksempfinden zusammen, die Ausgaben für sich selbst dagegen nicht. In einem Experiment wurden Teilnehmende zufällig dazu angeleitet, einen kleinen Geldbetrag für andere oder für sich selbst auszugeben. Wer für andere ausgab, berichtete danach von mehr Glück. Ein einzelnes Experiment beweist natürlich nichts für alle Lebenslagen, aber es zeigt, wie wenig selbstverständlich unsere Annahmen darüber sind, was uns guttut.

Wirkt so ein Kurs wirklich? Was die Studien zeigen

Das lässt sich inzwischen ein Stück weit überprüfen, und das Bild ist differenziert.

Kurzfristig sieht es ermutigend aus. Eine Studie von Yaden und Kolleginnen und Kollegen (2021, PLOS ONE) verglich in drei Stichproben Menschen, die den Kurs „The Science of Well-Being“ absolvierten, mit Teilnehmenden eines Kontrollkurses zur Einführung in die Psychologie. In beiden Gruppen stieg das Wohlbefinden, in der Well-Being-Gruppe aber stärker. Die Effekte lagen im kleinen bis mittleren Bereich (Cohens d zwischen 0,37 und 0,43). Eine Studie der Universität Bristol (Hobbs und Kolleginnen und Kollegen, 2022) mit einem vergleichbaren Kurs fand außerdem, dass Studierende, die den Kurs belegten, ihr Wohlbefinden hielten, während es in einer Wartegruppe im selben Zeitraum sank. Wer ohnehin wenig Interesse an dem Thema hatte, profitierte weniger.

Langfristig kommt es auf die Praxis an. Eine Nachuntersuchung aus Bristol (Hobbs und Kolleginnen und Kollegen, 2024) befragte 228 Studierende 12 bis 29 Monate nach dem Kurs. Insgesamt zeigte die Gruppe die anfänglichen Vorteile nicht mehr. Bei den 115 Studierenden, die die gelernten Übungen weiter praktizierten, blieb das höhere Wohlbefinden jedoch erhalten.

Eine ehrliche Einordnung

Glücksforschung ist ein junges und schwieriges Feld, deshalb gehört zu diesem Thema auch, was die Daten nicht hergeben:

  • Die Teilnehmenden an Online-Kursen haben sich freiwillig gemeldet und wurden nicht zufällig auf Gruppen verteilt. Wer sich für Wohlbefinden interessiert, unterscheidet sich vermutlich schon vorher von anderen.
  • Wohlbefinden wird per Selbstauskunft gemessen. Das ist üblich, aber subjektiv.
  • Die Effekte sind real gemessen, aber eher moderat. Von einem Kurs ist kein Wunder zu erwarten.
  • Dass nur die Weiterübenden ihr Wohlbefinden hielten, stammt aus einer explorativen Auswertung. Es kann sein, dass Menschen, denen es ohnehin stabiler geht, eher dranbleiben. Kausal belegen lässt sich das nicht.
  • Die Bristol-Studien untersuchten einen eigenen Kurs, der von Santos‘ Kurs inspiriert ist, nicht den Yale-Kurs selbst.

Unterm Strich: Es spricht einiges dafür, dass sich Wohlbefinden ein Stück weit „trainieren“ lässt. Wie groß und wie dauerhaft dieser Effekt für jeden Einzelnen ist, ist aber noch nicht abschließend geklärt.

Was wir daraus für den Alltag mitnehmen können

Die wichtigste Botschaft ist vielleicht eine entlastende: Glück ist weniger ein Ziel, das wir irgendwann erreichen, sondern etwas, das wir in kleinen, wiederholbaren Momenten pflegen können. Das passt zu dem, was wir bei blu immer wieder spüren, dass Rituale, Sinneseindrücke und bewusste Pausen den Alltag leichter machen können. Eine Kerze ersetzt keine Psychotherapie und kein Training, aber sie kann ein schöner Anker sein, um sich eine kleine Gewohnheit zu bauen und dranzubleiben.

Ein Einstieg, der wenig Aufwand kostet: Schreibe heute Abend drei Dinge auf, die gut gelaufen sind, und halte das ein paar Tage durch. Mehr braucht es für den Anfang nicht.

In den nächsten Monaten schauen wir uns in dieser Serie weitere Erkenntnisse der Glücksforschung an, zum Beispiel warum wir uns bei Vorhersagen über unser eigenes Glück so oft irren und warum wir uns an Gutes so schnell gewöhnen.

 

Quellen

  • Yale News (2020): A housebound world finds solace in Yale’s ‘Science of Well Being’ course. news.yale.edu
  • Yale News (2021): How to gain a sense of well-being, free and online. news.yale.edu
  • Santos, L.: Biografie auf drlauriesantos.com
  • Yaden, D. B., Claydon, J., Bathgate, M., Platt, B., Santos, L. R. (2021): Teaching well-being at scale: An intervention study. PLOS ONE, 16(4), e0249193. doi.org/10.1371/journal.pone.0249193
  • Hobbs, C., Jelbert, S., Santos, L. R., et al. (2022): Evaluation of a credit-bearing online administered happiness course on undergraduates’ mental well-being during the COVID-19 pandemic. PLOS ONE.
  • Hobbs, C., Jelbert, S., Santos, L. R., Hood, B. (2024): Long-term analysis of a psychoeducational course on university students’ mental well-being. Higher Education. doi.org/10.1007/s10734-024-01202-4
  • Dunn, E. W., Aknin, L. B., Norton, M. I. (2008): Spending money on others promotes happiness. Science, 319(5870), 1687–1688. doi.org/10.1126/science.1150952
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